Strelagate
Sonntag, den 21. Oktober 2007Mit dem Fernglas habe ich vom Schlafzimmerfenster meiner Großmutter aus einen einmaligen Blick auf Strelagate. Strelagate ist im Gegensatz zu ihrer Stiefschwester Golden Gate Bridge nicht rot, sondern blau und Strelagate verschönert nicht die Silhouette von San Fransisco, sondern von meiner Heimatstadt Stralsund. Mit einem dreitägigen Volksfest wird die neue Rügenbrücke an diesem Wochenende eingeweiht.
Die im Stralsunder Hafen liegende Gorch Fock diente als Pressezentrum, von dem leider nicht alle Journalisten Gebrauch gemacht haben, sonst wüsste der Sternreporter, dass die Hafensilhouette der Hansestadt bisher nicht von grauen Plattenbauten und leblosen Fabrikgebäuden geprägt war, sondern von backsteingotischen Hafenspeichern, dem wunderhübschen Stralsunder Rathaus und Kirchtürmen, wovon der eine zu den vierthöchsten der Welt zählt.
Der Wind ist relativ eisig, Angie zerschneidet das blaue Band und Zehntausende überqueren das neue Postkartenmotiv zu Fuß. Das sind die Zehntausend, über die ich mich am Schlafzimmerfenster meiner Großmutter lustig gemacht habe, weil sie sich bereits drei Stunden vor Freigabe die Beine in den Bauch gestanden haben. Alle anderen müssen wieder zurück – Menschenstau auf der Brücke. Die Organisation der Großveranstaltung erschließt sich mir sowieso nicht: Ich sehe gerade mal eine handvoll Polizisten, ich sehe kein einziges Dixieklo, sondern alte Damen und Herren über Zäune klettern und im Gebüsch verschwinden, ich sehe keine Möglichkeit für einen Krankenwagen durch die Menschenmassen auf die Brücke zu kommen, ich sehe auf den Showbühnen keinen Star, auch wenn man mir weismachen will, dass Gottlieb Wendehals, die Puhdys und Ute Freudenberg sehr wohl welche sind, dafür sehe ich arme verirrte Touristen, die von weit her anreisen, auf irgendeinen Stadtrandparkplatz geleitet werden und später hilflos vor meinem Elternhaus stehen und fragen: Ist das hier der Weg zum Brückenfest?
Alle Wege führen nach Rom, möchte ich antworten. Aber Rom ist noch weit weg.

Die Stadt war voll und ich frage mich, wie viele bei dem Getummel gestern Abend wohl ins Hafenbecken gefallen sind. Ein bisschen Feuerwerk, ein bisschen Laserlicht, ein bisschen Carmina Burana und auf der anderen Seite der Brücke die Puhdys. Die Brücke selbst so schön und stolz wie die Stralsunder.
Die Tierschützer machen sich Sorgen um die Zugvögel und die Heringe. Sehr schön die beruhigende Aussage des Bauherrn im Fernsehen: Wir haben 500.000 Euro in modernste Technik investiert und haben am Ende festgestellt, dass die Vögel über die Brücke rüber fliegen.
Meine Mutter kommentierte: Naja und ein paar Dumme gibt’s immer. Bei den Menschen laufen auch mal welche vor’n Pfeiler.